Klinische Tipps aus meinem Saam-Akupunktur Newsletter
Newsletter Mai 2026
Klinischer Tipp 1: Indikationen von Dünndarm 3
Im Vergleich zur TCM hat Dü3 in der Saam-Akupunktur viel breitere Anwendungsmöglichkeiten. Was hat es damit auf sich?
Nach der Fünf Elemente-Lehre ist der Dünndarm dem Element Feuer zugeordnet. Er gehört außerdem zur Tai Yang-Leitbahn, die nach den Sechs Qi als klimatische Eigenschaft kalt ist und daher auch das Element Wasser repräsentiert. Diese Feuer-Wasser- bzw. heiß-kalt-Kombination gibt dem Dünndarm eine mild kühlende und temperaturausgleichende Eigenschaft. Außerdem korrespondiert der Dünndarm mit dem Blut und ist für Blutbildung und Blutbewegung zuständig. Dü3 ist der zentrale Punkt der Saam-Vier-Punkte-Strategie Dünndarm Jeong Gyeok (= Stärkung der Energie des Dünndarm-Meridians) und repräsentiert damit den Effekt dieser Strategie auch als Einzelpunkt.
In der Sambu-Konstitutionsbehandlung mit einzelnen Shu-Transportpunkten besitzt Dü3 die Kombination der bereits erwähnten Elemente Feuer und Wasser. Er ist außerdem der Holzpunkt. Dü3 vereint also Feuer, Wasser und Holz. Er balanciert damit die Elemente Erde (Tai-Yin) und Metall (Yang-Ming) aus und sorgt durch seine Holzeigenschaft für Bewegung, insbesondere des Blutes.
Aufgrund dieser klimatischen und energetischen Eigenschaften können wir Dü3+ (tonisieren) als Einzelpunkt in einem komplexeren Behandlungsprogramm anwenden für:
- Störungen des Blutes: Blutmangel, Blutstagnation, Bluthitze, Blutkälte, Wind durch Blutmangel oder Bluthitze
- Viele gynäkologische Erkrankungen mit Bezug zum Blut
- Konstitutionell dünne oder ausgezehrte Personen, weil diese häufig an Blutmangel leiden.
- Yin-Mangel bzw. Leere-Hitze, weil diese Muster über das Nähren des Blutes und die milde Temperatureigenschaft des Dünndarms ausbalanciert werden.
- Konstitutionelle Behandlung von Personen, die weder zu warm noch zu kalt sind – wenn man bei Hitze und Kälte keine Auffälligkeiten findet (Feuer-Wasser-Ausgleich).
- Konstitutionelle Behandlung von Personen, die weder deutlich übergewichtig oder zu schlank sind – wenn also ein normaler Körperbau vorliegt (Tai Yin-Yang Ming-Harmonisierung).
Klinischer Tipp 2: Piriformis-Syndrom
Immer wieder berichten Patienten mit Piriformis-Syndrom, dass andere Therapeuten oder Ärzte relativ pauschal die Empfehlung geben, die Gesäßmuskeln (Pririformis, Gluteus minimus und maximus) zu dehnen. Man muss beim Dehnen der Muskulatur allerdings zwischen einem „langen“ und „kurzen“ Piriformis-Syndrom unterscheiden. Was bedeutet dies?
Beim langen Piriformis-Syndrom ist der passive Range of Motion / ROM bei Innenrotation des Humerus im Hüftgelenk auf der betroffenen Seite größer als auf der gesunden Seite. Hier ist der Muskel also zu locker und zu schwach, es fehlt an Haltekraft und Stabilisierung. Der Piriformis sollte in diesem Fall nicht gedehnt, sondern durch passende Übungen gekräftigt werden. Beim kurzen Piriformis-Syndrom ist der ROM verringert und der Muskel zu stark angespannt. Hier macht Dehnen Sinn.
Zum Testen gibt es beispielsweise folgende Möglichkeit: Der Patient liegt auf dem Rücken. Der Therapeut hebt dann ein Bein mit einer leichten Beugung im Kniegelenk etwa 45 Grad von der Liege an, führt mit gleichzeitiger Stabilisierung des Beins am Knie den Unterschenkel nach außen und erzeugt dadurch eine Innenrotation des Humerus und damit Zug auf den M. piriformis. Der ROM wird mit der gleichen Testung auf der anderen Seite verglichen. ROM auf der betroffenen Seite geringer (meist plus Schmerzen) = kurzes Piriformis-Syndrom > Dehnen sinnvoll. ROM auf der betroffenen Seite größer = langes Piriformis-Syndrom > Dehnen kontraindiziert.
Saam-Akupunktur Behandlungsstrategie: Der M. Piriformis lässt sich der Gallenblasenleitbahn zuordnen.
- Die passende Saam-Behandlungsstrategie ist daher Gallenblase Jeong Gyeok (Gb42+, Bl66+, Gb44-, Di1-) auf der gegenüberliegenden, nicht betroffenen Seite.
- Auf der betroffenen Seite kann man als Ergänzungspunkte beim langem Piriformis-Syndrom Gb41+ (Holz tonisieren = Kontraktion verbessern) und bei kurzem Piriformis-Syndrom Gb41- (Holz sedieren = Kontraktion vermindern) und/oder Gb34+ (Erdpunkt = weich machen) einsetzen.
- Alle anderen Behandlungsmöglichkeiten zum Beispiel am lokalen Schmerzpunkt mit Nadeln, Moxa oder Schröpfen sind wie in der TCM natürlich auch möglich.
Klinischer Tipp 3: Behandlung bei Milz-Qi-Mangel
Die klassische ZangFu-Diagnose eines Milz-Qi-Mangels können wir in der Saam-Akupunktur im Wesentlichen mit zwei Behandlungsstrategien abdecken, indem wir Zeichen und Symptome von Feuchtigkeit-Schleim und den Körperbau als Konstitutionsmerkmal zusätzlich berücksichtigen: übergewichtig = feucht; dünn = trocken. In der Saam-Akupunktur hat der Milz-Meridian die klimatische Eigenschaft der Feuchtigkeit:
- Milz Jeong Gyeok (Mi2+, He8+, Mi1-, Le1- = Milz stärken und Feuchtigkeit fördern), wenn keine Schleim-Feuchtigkeit als Pathogen vorliegt oder der Patient vom Körperbau her normal beziehungsweise (zu) schlank ist.
- Milz Seung Gyeok (Mi1+, Le1+, Mi5-, Lu8- = Milz stärken und Feuchtigkeit reduzieren), bei Vorliegen von Schleim-Feuchtigkeits-Symptomen oder Übergewicht.
- Wie immer das Saam-Muster nur einseitig nadeln und auf der gegenüberliegenden Seite Ergänzungspunkte verwenden.